Es gibt diese Tage, an denen ich abends auf die Couch falle und mein Kopf automatisch anfängt zu rechnen: Was habe ich heute eigentlich geschafft? Die E-Mails sind beantwortet, die wichtigsten Aufgaben erledigt, der Einkauf gemacht und vielleicht sogar noch ein paar Dinge mehr, die gar nicht auf der ursprünglichen Liste standen. Und trotzdem bleibt dieses komische Gefühl, dass der Tag nicht so war, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
Genauso gibt es aber auch die anderen Tage. Tage, an denen die ToDo-Liste abends fast genauso aussieht wie morgens. An denen nichts nach Plan läuft, Termine länger dauern, Kinder andere Pläne haben und alles ein bisschen mehr Energie kostet als gedacht. Früher hätte ich solche Tage schnell als „nicht produktiv“ abgestempelt: nicht genug geschafft, nicht weit genug gekommen, zu wenig erledigt.
Dabei habe ich irgendwann gemerkt: Vielleicht bewerten wir unsere Tage mit der falschen Frage. „Was habe ich geschafft?“ ist nicht immer die wichtigste Frage. Eine andere ist oft entscheidender: War ich da?
Viele von uns haben irgendwann gelernt, ihre Tage nach Output zu bewerten. Eine lange Liste bedeutet, ich war fleißig. Viele Haken bedeuten, der Tag hat sich gelohnt. Wenig erledigt bedeutet, da wäre mehr gegangen. Das klingt erstmal logisch, schließlich wollen wir Dinge bewegen, unsere Ziele erreichen und nicht einfach nur Zeit verstreichen lassen.
Das Problem entsteht dort, wo wir anfangen, den gesamten Tag nur noch danach zu bewerten. Denn die wichtigsten Dinge in unserem Leben stehen selten auf einer Liste. Ein gutes Gespräch taucht nicht im Kalender auf, ein gemeinsamer Moment mit der Familie hat keine Checkbox, ein Lachen am Abend ist kein Punkt auf der Wochenplanung. Und trotzdem sind es genau diese Dinge, an die wir uns später erinnern.
Ich hatte vor einiger Zeit so einen Tag. Der Plan war eigentlich klar, es gab Dinge, die ich erledigen wollte, der Anspruch war da, alles unter einen Hut zu bekommen. Und dann kam das echte Leben dazwischen, wie es eben so ist: der Ablauf verschiebt sich, Dinge dauern länger, kleine Unterbrechungen sammeln sich. Am Ende des Tages sah die Liste nicht so aus, wie ich es mir morgens gewünscht hätte. Nach meiner alten Bewertung wäre das ein ziemlich durchschnittlicher Tag gewesen, vielleicht sogar ein schlechter.
Aber dann gab es diesen einen Moment. Ich saß mit meinem Sohn auf dem Boden. Eigentlich wollte ich nur kurz etwas wegräumen, schnell Ordnung schaffen, bevor es weitergeht. Aus dem kurzen Moment wurde ein gemeinsames Spielen, ein bisschen Quatsch, Lachen, einfach da sein. Und irgendwann kam mir der Gedanke: Ich habe heute vielleicht nicht alles geschafft, aber ich war da. Plötzlich fühlte sich der Tag anders an. Nicht perfekt, nicht produktiver, aber irgendwie wertvoller.

„War ich da?“ klingt erstmal nach einer sehr einfachen, vielleicht sogar zu weichen Frage. Aber genau darin liegt ihre Stärke. Es geht nicht darum, jeden Tag perfekt präsent zu sein, und auch nicht darum, nie wieder eine ToDo-Liste zu schreiben. Struktur ist wichtig, Planung ist wichtig, und kleine Erfolge dürfen weiterhin zählen.
Aber „War ich da?“ bringt eine andere Perspektive hinein. Sie fragt nicht nur, was ich produziert habe, sondern ob ich bei den Menschen war, die mir wichtig sind. Ob ich wirklich anwesend war oder nur körperlich irgendwo. Ob ich den Moment mitbekommen habe. Ob ich zwischendurch auch einmal aufgehört habe, nur durch den Tag zu funktionieren. Gerade wenn der Alltag voll ist, macht diese Frage einen Unterschied, denn manchmal verbringen wir unglaublich viel Energie damit, Dinge am Laufen zu halten, und merken gar nicht, dass wir dabei selbst ein Stück verloren gehen.
Mit Kindern wird die alte Messlatte oft noch schwieriger. Ein Tag mit einem kleinen Kind folgt selten einem perfekten Plan: Die Morgenroutine wird plötzlich zur Verhandlung, eine geplante Aufgabe verschiebt sich, weil jemand eine Umarmung braucht, ein Termin dauert länger, weil der kleine Mensch an deiner Seite gerade andere Bedürfnisse hat. Natürlich gibt es trotzdem Dinge, die erledigt werden müssen, denn das Leben bleibt nicht stehen.
Aber vielleicht dürfen wir anfangen, anders auf diese Tage zu schauen. Ein chaotischer Tag kann trotzdem ein guter Tag sein. Ein Tag ohne viele Haken kann trotzdem ein Tag sein, an dem du etwas Wichtiges gegeben hast. Vielleicht nicht an dein Projekt, vielleicht nicht an deine Liste, sondern an dein Leben.
Ich mag ToDo-Listen. Ich mag Systeme. Ich mag kleine Routinen, die den Alltag leichter machen. Aber sie sind ein Werkzeug, nicht der Maßstab für unseren Wert und auch nicht die einzige Möglichkeit, einen Tag zu bewerten. Denn am Ende planen wir unser Leben nicht, damit wir möglichst viele Aufgaben erledigen. Wir erledigen Aufgaben, damit wir mehr Raum für das haben, was uns wichtig ist.
Vielleicht ist die Frage „War ich da?“ deshalb eine der ehrlichsten Produktivitätsfragen überhaupt. Nicht weil sie uns weniger ambitioniert macht, sondern weil sie uns daran erinnert, wofür wir überhaupt loslaufen.
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